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Starkregen und urbane Sturzfluten – ein neues Phänomen?

Überflutungen aus Hochwasserereignissen sind in den Flusstälern ein Problem, das seit Langem Beachtung findet. Derartige Überflutungen finden mehr oder weniger regelmäßig statt. Die Betroffenen haben sich auf diese Ereignisse eingerichtet. Betroffene Räumlichkeiten oder Gebäudeteile werden geräumt oder, was die komfortabelste Lösung ist, durch Schutzeinrichtungen vor Überflutungen geschützt. Gute Vorhersagesysteme sorgen dafür, dass die Schutzmechanismen mit ausreichendem Vorlauf in Funktion gebracht werden können. Die Schutzmechanismen sind auf Maximalereignisse ausgelegt. Dass auch diese Ereignisse überschritten werden können, zeigt z. B. das Elbhochwasser von 2013.

Überflutungsereignisse, die in der Vergangenheit weniger Beachtung fanden, sind sogenannte „urbane Sturzfluten“. Damit werden Überflutungen bezeichnet, die aus sommerlichen Starkregenereignissen resultieren. Derartige Überflutungen treten dezentral auf. Die Starkregenereignisse sind i. d. R. lokal begrenzt. Dennoch resultieren in der Summe erhebliche Schadenshöhen.

Gefühlt nehmen derartige Starkregenereignisse zu. Untersuchungen hierzu gibt es, es besteht aber Regelungsbedarf. Weiterführende Regelungen zur fachlich qualifizierten Risikobewertung urbaner Sturzfluten im Kontext der europäischen Norm DIN EN 752 sowie des Arbeitsblattes DWA-A 118 werden zurzeit von der DWA-Arbeitsgruppe ES-2.5 „Anforderungen und Grundsätze der Entsorgungssicherheit“ erarbeitet und sollen kurzfristig veröffentlicht werden.

Ein Erklärungsversuch für die Zunahme von Starkregenereignissen sind der Klimawandel und die damit verbundene Erhöhung der Temperaturen. Wärmere Luft kann eben mehr Wasser aufnehmen.

Ein Problem der urbanen Sturzfluten ist die Vorhersage. Durch die Wetterdienste wird zwar vor lokalen Starkregen gewarnt, aber anders als bei Hochwasser aus Flüssen können Ort, Zeitpunkt und voraussichtlicher Umfang der Überflutung nicht exakt vorhergesagt werden.

Die Kanalnetze sind i. d. R. aus wirtschaftlichen Gründen auf bis zu 5-jährige Regenereignisse bemessen. Stärkere Regen können häufig durch die Netze aufgenommen werden, insbesondere wenn es sich um längere Regen handelt, die auf relativ großen Flächen anfallen. Durch die Vergleichmäßigung des Abflusses besitzen die Kanalnetze Reserven. Diese Reserven gibt es für kurze Starkregen nicht. Die Kanalnetze versagen, das Wasser tritt aus Schachtdeckeln und Straßenabläufen aus. Das durch die Kanalnetze erreichbare Schutzniveau ist also begrenzt.

Eine weitergehende Überflutungsvorsorge muss sich mit der Frage befassen, was mit den aus dem Kanalisationsnetz austretenden Wassermengen geschieht. An dieser Stelle ist eine ganzheitliche Betrachtung des Überflutungsschutzes erforderlich. Es ist zu prüfen, ob und an welcher Stelle das aus dem Kanalnetz austretende Wasser eine Gefährdung darstellt. Folgende Fragestellungen sind dabei z. B. zu bearbeiten:

– An welcher Stelle stellt das aus dem Kanalnetz austretende Wasser eine Gefahr dar?

– Um welche Art von Gefährdung handelt es sich?

– Besteht die Möglichkeit einer schadlosen Ableitung des ausgetretenen Wassers?

– Können betroffene Gebäude durch bauliche Maßnahmen vor der Überflutung geschützt werden?

– Können Frei- und Grünflächen als Retentionsräume aktiviert werden?

– Ist es sinnvoll, im Kanalnetz zusätzlichen Retentionsraum zu schaffen?

– Kann der Zufluss zum Kanalnetz, z. B. aus Außengebieten, reduziert werden?

– Wie können die Betroffenen im Katastrophenfall gezielt benachrichtigt werden?

Die Beantwortung dieser Fragen und die Entwicklung von planerischen, technischen und auch administrativen Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor Überflutungen ist eine interdisziplinäre Aufgabe. Sicherlich hat die Siedlungswasserwirtschaft mit der Planung der Entwässerungsnetze einen maßgeblichen Anteil. Genauso sind aber auch die Bauleitplanung und die Verkehrsplanung gefragt. Und beim Schutz der Gebäude sind, nicht zuletzt, auch Hochbauplanungen zwecks Umbauten an Gebäuden denkbar. Die Fachleute der jeweiligen Abteilungen der PE Becker GmbH helfen bei der Entwicklung von Lösungen zum Überflutungsschutz weiter.

Andreas Göttgens, Dipl.-Ing.